Lausfliegen - Hippoboscidae
Ordnung Diptera: Unterordnung Brachycera Cyclorrhapha:
Superfamilie Hippoboscoidea: Familie Hippoboscidae (Lausfliegen)
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hygienische u. ökologische Bedeutung <

Aus mehrfach gegebenem Anlaß der Nachfrage zu Lausfliegen
- was sind Lausfliegen? -  wie sehen sie aus? - können sie Menschen befallen und stechen? -
wie gefährlich ist Lausfliegen-Befall ? ... -
gebe ich hier eine Kurzcharakteristik dieser blutsaugenden Fliegengruppe:

Lausfliegen sind blutsaugende Ektoparasiten - hier beispielhaft 2 Arten von der Uferschwalbe (links: Stenepteryx hirundinis, rechts: 2 Ornithomya biloba - sind etwa so groß (s. mm-Skalierung) wie eine Stubenfliege und besitzen 2 Flügel (= Di ptera), die “normal” (ähnlich einer Stubenfliege) ausgebildet oder verkürzt oder reduziert oder sichelförmig (wie links oben bei St. hirundinis) sein können und bei einer Art bei Erreichen eines Wirtes abfallen können (Hirschlausfliege). Sie erscheinen dann flügellos wie andere, echt (primär) flügellose Arten (Schaf-Lausfliege). - In Deutschland kommen 15 Arten vor.

 


 

Zur Morphologie der Lausfliegen (Hippoboscidae):
alle Abb. aus LINDNER (1964): Die Fliegen der paläarktischen Region. THEODOR & OLDROYD: Bd. XII: 65. Hippoboscidae. Stuttgart:
mit Hinweisen zu bestimmungsrelevanten Kennzeichen ...

Kopf (seitlich) der Gemeinen Vogellausfliege O. avicularia. Beachte die dorsoventrale Abflachung, das große Auge, die Palpen (P), Antenne (A), die großen Borsten: Orbitalborsten (Ob - oben) u. Jugularborsten (Jb - unten) u. die Kehldornen (re unten).

Kopf (dorsal - oben) der Gemeinen Vogellausfliege O. avicularia. Beachte neben P u. A u. den o.g. Borsten die Vertikalborsten (Vb), die Abschnitte zwischen den Augen Mv (Mediovertex), Pf (Parafrontalia) u. Pv (Postvertex - Mitte unten) = arttypisch ...

Thorax (Rücken) einer Schwalbenlausfliege O. biloba mit der typischen Borstenanordnung. Beachte die hinteren (in Abb. unteren) 6 (3+3) arttypischen großen Borsten auf dem Scutellum (hinterer Abschnitt) ...

Weibliches Genitalsklerit der Hirschlausfliege L. cervi, ventral mit drei arttypisch beborsteten, kleinen Genitalplatten (eine mittlere dreieckige mit ~5-6, zwei seitliche mit 3-4 Borsten).

Flügel der Gemeinen Vogellausfliege O. avicularia mit der arttypischen Aderung und den arttypischen Mikrotrichien (kleinen Borsten) dazwischen an der Flügelspitze.

Die Praetarsen (“Fuß-Endglieder” - hier von der Schaflausfliege M. ovinus, oben li. 9 a), re. 9b von der Sichelflügel-Schwalbenlausfliege St. hirundinis) sind breit, abgeflacht u. tragen große Krallen u. ein gefiedertes Empodium (E) u. 2 Pulvillen (P).
Unten: Prätarsen ventral (von unten) von
M. ovinus & rupricaprinus mit arttypischer (asymmetrischer) Beborstung u. Krallen. Empodien (vorn) kurz gefiedert ...

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Biologie
Entwicklung und Lebensweise:

  • Holometabole Entwicklung (Ei, Larve, Puppe = Puparium, Imago = Vollinsekt);
  • Blutsaugende Fliegen mit lebend geborenen Larven, die  sich sofort nach der Geburt verpuppen und als Puparien (Puparium, deshalb auch als Pupipara = Puppen gebärend eingruppiert)
    • am Wohnort (= Habitat mit  spezifischer Nische meist im Nest, in Höhle) liegen bleiben (überwintern) bis zum Schlupf zur Brutzeit, wenn die Wirtsvögel zum Wohnort (Nest) zurückkehren,
    • oder (seltener, bei Säugern) auf dem Wirt  (im Fell) seßhaft sind;
       
  • Abb. zeigt (oben) große Puparien der Alpensegler-Lausfliege Crataerina melbae und (darunter) Puparien (aus Mehlschwalben-Nestern) von der Sichelflügel-
    Schwalbenlausfliege Stenepteryx hirundinis:
    • dabei sind rechts jeweils noch nicht geschlüpfte Puparien und links daneben jeweils geschlüpfte abgebildet, wobei teilweise noch der vom schlüpfenden Vollinsekt (Imago) abgetrennte Deckel zu sehen ist (mm-Maßstab rechts).

  • So haben die Wirte auf Grund ihrer besonderen, artspezifischen Nische oftmals eigene Ektoparasiten-Arten (Regel: einige Arten mit besonderen Nestern und Höhlen haben eigene Lausfliegen - z.B. Schwalben zwei spezifische Lausfliegen-Arten ...)
  • Die blutsaugenden Lausfliegen können Krankheitserreger übertragen und haben deshalb eine gewisse hygienische Bedeutung.
    • Adulte Vollinsekten (Imagines) können auf Zugvögeln manchmal interkontinental verbreitet werden (Problem der interkontinentalen Übertragung von Krankheitserregern durch blutsaugende Insekten ...).

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Artenliste (Checklist Hippoboscidae) Deutschland (D)
15 Arten in D; Checkliste nach:

  • MÜLLER, J. (1997): Lausfliegen-Funde von heimischen Vögeln, nebst Bemerkungen zur deutschen Checkliste Diptera: Hippoboscidae. - Ornithologische Jahresberichte des Museums Heineanum, Halberstadt 15: 115-132.
  • MÜLLER, J. (1999): Hippoboscidae. S. 155;  In: SCHUMANN, R. BÄHRMANN & A. STARK (Hrsg.): Checkliste der Dipteren Deutschlands. - Studia Dipterologica, Supplement 2;
    aktualisiert nach:
  • KOCK, D. (2000): Ornithoica turdi (Latreille 1812) neu in der Fauna Deutschlands und ihre Phänologie in der westlichen Paläarktis (Insecta: Diptera: Hippoboscidae). - Senckenbergiana biol. 80(1/2): 155-158.
  • SCHMIDT, E. (2001): Nachweis der Reiherlausfliege Icosta ardeae (Macquart, 1835) (Diptera, Hippoboscidae) in Thüringen. - Anz. Thüring. Ornithol. 4, 233-234.
  • Artenliste Lausfliegen - Checkliste Hippoboscidae - Deutschland:

  • Hippoboscinae:
  • Ornithioca turdi - Drossellausfliege
    auf der Amsel in Hessen 1990, 1992 (KOCK 2000).
     
  • Ornithophila metallica - Südliche Lausfliege
    Seltene Art auf Kleinvögeln (Passeriformes), interkontinental von Afrika nach Mitteleuropa verschleppt.
     
  • Ornithomya avicularia - Gemeine Vogellausfliege  > s. Abb. unten
    polyxen u. häufig auf über 20 Vogelarten;
  • Ornithomya biloba - Schwalbenlausfliege  > s. Abb. unten
    insbesondere auf Mehl- (Delichon urbica) u. Uferschwalben (Riparia riparia);
  • Ornithomya chloropus - Nordische Lausfliege
    polyxen insbesondere auf Passeriformes, geht am weitesten nach Norden - bis zu 70° n.Br.;
  • Ornithomya fringillina - Singvogellausfliege
    insbesondere auf kleinen Singvögeln;
     
  • Crataerina melbae - Alpenseglerlausfliege  > s. Abb. unten
    auf dem Alpensegler (MÜLLER 2000, Stud. dipt. 87(2): 501-505);
    s. auch
    Projekt Ektoparasiten > Alpensegler-Lausfliegen in Freiburg i.Br....
  • Crataerina pallida - Mauerseglerlausfliege > s. Abb. unten
    Befallen und stechen gelegentlich Menschen - in Wohnungen in Nähe von Mauerseglernestern.
     
  • Stenepteryx hirundinis - Sichelflügel-Schwalbenlausfliege > s. Abb. unten
    insbesondere auf Mehl- (Delichon urbica) u. Uferschwalben (Riparia riparia);
  • Icosta ardeae - Reiherlausfliege
    von Gr. Rohrdommel 1991 Thüringen (SCHMIDT 2001)
     
  • Hippobosca equina - Pferdelausfliege >  s. Abb. unten
    insbesondere auf Pferden, Esel u. Rind, gelegentlich auch auf den Menschen übergehend;
  • Lipopteninae:
  • Lipoptena cervi - Hirschlausfliege > s. Abb. unten
    insbesondere auf Reh u. Damhirsch, öfter (im Herbst) auch auf dem Menschen;
    Flügel brechen ab, wenn Wirt (Reh u.a. Großsäuger) angeflogen wurde, befallen und stechen auch Menschen, insbes. im Sept. - Oktober beim Waldspaziergang;
     
  • Lipoptena fortisetosa - Kleine Rehlausfliege
    insbesondere auf Rehwild, aber auch auf Mäusebussard nachgewiesen (selten ?);
     
  • Melophagus ovinus - Schaflausfliege > s. Abb. unten
    Früher häufig auf Schafen, heute eher selten;
    Primär flügellos ! - Braune Puparien verbleiben in der Schafwolle.
  • Melophagus rupicaprinus - Gemsenlausfliege
    insbesondere auf Gemsen.
  • Weiterhin sind in Deutschland zu erwarten:

  • Pseudolynchia canariensis - Taubenlausfliege
    auf Tauben zu erwarten;
  • Olfersia fumipennis - Fischadlerlausfliege
    kosmopolitisch auf dem Fischadler Pandion haliaetus, bisherige (geringe) Nachsuche ohne Erfolg, dennoch bisher übersehen ?

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Artenliste (checklist Lusefluer) Dänemark (DK)
mind.
12 Arten in DK nach:

  • PETERSEN, F.T. & J. MÜLLER (2001): Hippoboscidae. - In: PETERSEN, F.T. & R. MEIER (eds): A preliminary list of the Diptera of Denmark. - Steenstrupia Vol. 26(2): 198-199:
     
  • Crataerina pallida
     
  • Hippobosca equina
     
  • (Icosta ardeae - Vorkommen wahrscheinlich, benachbart vorkommend)
     
  • Lipoptena cervi
  • (Lipoptena fortisetosa - Vorkommen wahrscheinlich, benachbart vorkommend)
     
  • Melophagus ovinus
     
  • (Olfersia fumipennis - Vorkommen wahrscheinlich, Kosmopolit)
     
  • Ornithomya avicularia
  • Ornithomya biloba  (neu - note added in proof)
  • Ornithomya chloropus
  • Ornithomya fringillina
     
  • (Pseudolynchia canariensis - Vorkommen wahrscheinlich ...)
  • Pseudolynchia garzettae
     
  • Stenepteryx hirundinis

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Abbildungen von Lausfliegen:

Arten-Beispiele mit normal ausgebildeten Flügeln:
auf vielen Wirtsarten möglich

Gemeine Vogellausfliege Ornithomya avicularia: polyxen u. häufig, von über 60 Vogelarten bekannt

Schwalbenlausfliege Ornithomya biloba: hauptsächlich auf Rauch- u. Uferschwalben.

<<<<<<<<< links:

Pferdelausfliege Hippobosca equina
Große geflügelte Art
(Flügellänge: 6-8,5 mm)

Männchen, 12.7.02, Dübener Heide,
leg. Bäse, coll. M. Jentzsch, Aufn. JM.

das Ex. hat Merkmale von H. longipennis (helles Scutellum ...);
Flügellänge 8 mm = H. equina.

 

Arten-Beispiele mit reduzierten Flügeln:
eingeschränkt flugfähig, auf wenige Wirtsarten beschränkt

Sichelflügel-Schwalbenlausfliege
Stenepteryx hirundinis:
hauptsächlich auf Mehl- u. Uferschwalbe.
Abb. oben rechts: Trockenpräparate,
oben li.,  unten re.: Alkohol-Präparate.

Mauersegler-Lausfliege Crataerina pallida (obere R.);  (darunter:) Alpensegler-Lausfliege Crataerina melbae:
C. melbae nur auf den 2 Großsegler-Arten Alpensegler Tachymarptis melba & T. aequatorialis. C. melbae (unten) hat evolutive Bedeutung für Abgrenzung der Gattung Tachymarptis.

C. melbae auf dem Gefieder des Alpenseglers, Freiburg i.Br. 2001

Arten-Beispiele (zeitweise) ohne Flügel:
auf wenigen Wirtsarten

Hirschlausfliege Lipoptena cervi :
 
links: Weibchen (Trockenpräp.) mit abgebrochenen Flügeln, vom Rehkitz, 09.11.1980, Dolchau / Altmark;
rechts: geflügeltes junges Männchens mit kleinem Abdomen, vom Menschen abgesammelt ( links), und ungeflügeltes Weibchens (Alkohol-Präp.)(Flügel abgebrochen) mit großem Abdomen vom Befall am Pferd “Rondena”, Okt. 2003, Haslach im Kinzigtal / Schwarzwald, leg. L. Gottwald).

Schaflausfliege Melophagus ovinus

primär ungeflügelt; vom Schaf, Halle/Saale,
 um 1980, leg. N. Grosser.
(Puparien sind ebenfalls braun, kleben in der Schafwolle ...)


 

Zur hygienischen / ökologischen Bedeutung der Lausfliegen

    In enger Beziehung mit ihren Wirten haben die Lausfliegen die Evolution der Wirtsarten erfolgreich begleitet und zweifellos mitgestaltet. “Erfolgreich” bezieht sich dabei nicht nur auf die Ektoparasiten, sondern auch auf die Wirte. Die Auseinandersetzung mit dem Parasiten gehört ebenso wie die Reaktion des Wirtes mit den abiotischen und anderen biotischen Faktoren des Lebensraumes zum Selektionsmechanismus der Arten. Insbesondere in Kombination mit anderen blutsaugenden Ektoparasiten, wie z.B. mit Flöhen (Siphonaptera) und Wanzen (Famalie Cimicidae), spielen die ebenfalls blutsaugenden Lausfliegen als Vektorenreservoir (Überträger) auf Vögeln infolge schneller Verbreitungsmöglichkeit eine besondere Rolle bei der weltweiten Verschleppung von Arboviren als Krankheitserreger. Das heißt:
    Durch Lausfliegen können Endoparasiten (als Krankheitserreger) übertragen werden: Trypanosoma-Arten (Blutflagellaten), Plasmodium-Arten (Vogel-Malaria-Erreger ...), Haemoproteus-Arten, Leucocytozoon ... -
    dies scheint aber gegenwärtig in Mitteleuropa bei einem Stich einer Hirsch- oder Mauersegler-Lausfliege ohne Bedeutung zu sein; zumindest besteht hier keine akute Gefährdung der gestochenen Menschen !

    Inwieweit die Lausfliegen selbst, wie Flöhe, als Allergieerreger, verhaltensbeeinflussende und leistungsmindernde Lästlinge oder Vektoren eine Rolle spielen, ist wenig untersucht. Grundsätzlich können aber starker Ektoparasiten-Befall zu erheblichen Belästigungen, Schlaf- und Entwicklungsstörungen sowie zu Erkrankungen führen, die dann eine spürbar verminderte Fitness der Wirte zur Folge haben kann.
    Ich habe aber an einem Alpensegler (maximal) 29 (!) der etwa 7 (!) mm großen Lausfliegen (Crataerina melbae) selbst abgesammelt, ohne bei den Jungvögeln eine Beeinträchtigung festgestellt zu haben (s.
    Projekt im Jahre 2000).

    Als weitere Belastungsfaktoren im Zusammenhang mit Ektoparasiten-Beeinflussung werden quantitative und qualitative Mängel in der Ernährung und im Lebensraum, Krankheiten anderer Genese sowie physiologische Belastungen, wie z.B. zum Zeitpunkt der Fortpflanzung, genannt.

    Andererseits können aber auch blutsaugende Ektoparasiten durch ihren Speichel Immunreaktionen auslösen und somit letztendlich zur Auswahl der leistungsfähigsten Individuen einer Population beitragen.
     

    Literatur:

    Zusammenfassende Diskussion s. in meinen parasitologischen Arbeiten >  abstracts unter: Lausfliegen und Fledermausfliegen (Müller 1990, 1997 ... - dort auch weiterführende Literatur).

    Siehe auch:

  • BÜTTIKER, W. (1994): Die Lausfliegen der Schweiz (Diptera, G`Hippoboscidae) mit Bestimmungsschlüssel. Les Hippobiscides de Suisse (Diptera, Hippoboscidae) avec cle de Determination. - Documenta Faunistica Helvetiae 15: 117 S. (teilweise zweisprachig)

 

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